Lesetipp von
Lilli Biskamp
01.03.2026

Mit ihrem Debütroman eröffnet die Autorin einen ebenso poetischen wie unerbittlichen Blick auf die Welt des Kunstturnens. In einem vielstimmigen kollektiven „Wir“ erzählt, aus dem nach und nach das „Ich“ der Turnerin Amik hervortritt, entfaltet sich die Geschichte einer Karriere – und ihrer Kosten. Amik wacht am Krankenbett ihres verletzten Schützlings: einst Teamkollegin, Zimmernachbarin, Vertraute und Konkurrentin. In dieser Schwebe zwischen Fürsorge und Rivalität beginnt eine schonungslose Selbstbefragung.

Im Rückblick tastet sie sich durch die Jahre im Leistungssport – eine Zeit der Härte, Disziplin und Entfremdung. Sie berichtet von der schleichenden Zerstörung der eigenen Körperwahrnehmung, von Essstörungen, die nicht zufällig entstehen, sondern systematisch anerzogen werden; von unerbittlichem Drill, permanentem Leistungsdruck, Schmerzen und Objektifizierung. Von emotionalem, körperlichem und sexuellem Missbrauch. Von Isolation im Kollektiv. Von einem System, das kindliche Körper konservieren will, die Pubertät verzögert und das Erwachsenwerden bestraft.

Und immer wieder sind da die Routinen: endlose Übungen, die Tage strukturieren und Körper formen – und jene gefährlichere Gewöhnung, in der Zweifel verstummen und Gehorsam zur Haltung wird. Wer Fragen stellt, riskiert alles. Wer nicht funktioniert, wird ersetzt. Der Traum vom Olympiasieg ist ebenso Antrieb wie Drohung.

Diese zwei Räume, das Jetzt im Krankenhaus und das Gestern in Amiks Erinnerungen, werden immer wieder mit historischen Ereignissen verschränkt. Historische Stimmen realer Turnerinnen wie Nadia Comaneci, Olga Korbut und Simone Biles werden eingeflochten und erweitern das erzählende „Wir“ um eine dokumentarische Dimension. So verschränken sich fiktive Erzählungen mit kollektiver Geschichte und wir beginnen zu verstehen, wie ausbeutend dieses System ist, auf dem so viel Glitzer liegt.

Ein intensiver, fordernder und sprachlich einzigartiger Roman für alle, die sich für Körperpolitik, feministische Gegenwartsliteratur und die verborgenen Machtstrukturen des Spitzensports interessieren.

Roman
Klett-Cotta, 25,00 €

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