Buchtipps März 2026

Lesetipp von Eva Lorenzen:

Ann-Helén Laestadius: Die Rückkehr der Rentiere

Marina kehrt nach einem Jahr in Stockholm voller Sehnsucht in ihre Heimatstadt Kiruna im Norden Schwedens zurück.

Kaum angekommen, muss die junge Frau feststellen, dass sich seit ihrer „Flucht“ in die Hauptstadt nichts geändert hat und sie läuft Gefahr in die alten ungesunden Verhaltensmuster zurückzufallen, die sie seit ihrer Kindheit prägen.Die Mutter, eine Sami, bringt der Tochter weder Sprache noch Kultur ihrer Herkunft näher, um Marina vor Diskriminierung in der schwedischen Gesellschaft zu schützen. Das führt dazu, dass sie sich bei Besuchen im Dorf der Großeltern ausgeschlossen fühlt und diese in der Stadt verleugnet.

Außer dem Vater gehört seine ganze Familie den Laestadianern an, einer streng konservativen christlichen Glaubensgemeinschaft, deren Hauptaugenmerk auf Schuld und Sühne liegt. Jeder noch so kleine Ausbruchsversuch aus dieser Welt , die unter  anderem auch Musik , Tanzen und Schminken als Verstoß gegen Gottes Gesetze versteht, endet mit extremen Vorhaltungen des Prediger Onkels und seiner Frau und Marina befindet sich  daher in einem Strudel aus Schuldgefühlen und Scham.

Bei ihren Eltern bekommt die Heranwachsende keine Unterstützung, denn die beiden entziehen sich den heiklen Themen und verdrängen alle Probleme. Nach dieser Kindheit und Jugend des Schweigens und Weglaufens, begleitet von einer ständigen Übelkeit, beginnt Marina nun doch Fragen zu stellen und in ganz kleinen Schritten einen Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu beschreiten!

Die Schwedin Ann-Hélen Laestadius, selbst gebürtige Sami, beschreibt erneut die Lebensumstände der Indigenen Nordeuropas der 1980-2000 Jahre. Den langen und schweren Prozeß , nach Jahrezehnten  der Ausgrenzung und Diskriminierung ,das kulturelle Erbe anzunehmen und mit Stolz zu tragen. Der Einblick in die Bewegung der Laestadianer und besonders ihr Einfluß auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist erschreckend!

Übersetzung: aus dem Schwedischen von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt

Roman

Hoffman und Campe, 28,00 €

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Lesetipp von Sigrid Lemke:

Stewart O`Nan: Abendlied

Emily, Arlene, Kitzi und  Susie, vier ältere Frauen in Pittsburgh sind der Humpty Dumty Club. Der Club ist eine Art Selbsthilfegruppe von und für alte Frauen. Alle kleinen und großen Katastrophen des Lebens werden geteilt, besprochen und geregelt.

Ob Schlafprobleme, beginnende Demenz, Herausforderungen mit Onlinedating, Corona oder Messietum - die Damen packen es an!
Stewart O‘Nan hat schon in seinen vorherigen Romanen gezeigt, dass er ein genauer Beobachter und Chronist der amerikanischen Mittelschicht ist. Er erzählt empathisch aber nicht sentimental von den Widrigkeiten des Älterwerdens und wie kaum ein anderer schafft er es, uns mit kleinen alltäglichen Geschichten die ganze Komplexität des Lebens nahe zu bringen und uns ganz wunderbar zu unterhalten!

Übersetzung: aus dem englischen von Thomas Gunkel

Roman

Rowohlt Verlag, 26,00 €

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Lesetipp von Lena Meyer:

Marco Balzano: Bambino

Im Grunde tragen zwei Figuren diese Geschichte: Uhrmacher Gregori und seine Sohn Mattia. Nachdem Adriano, Mattias Bruder, nach dem 1. Weltkrieg ausgewandert ist und Donatella, die Mutter, früh verstirbt, müssen die beiden auch damit umgehen, was Donatella Mattia von ihrem Sterbebett aus anvertraut. Sein Vater würde das nie offenlegen aber sie tue es jetzt noch: Mattias Mutter sei nicht sie, Donatella, sondern eine andere ihr unbekannte Frau. Die Information entfacht Antrieb und Wut zugleich in Mattia, er lässt darin seinen Kindheitsfreund Ernesto zurück und sich mit den Faschisten ein.
Mit angehaltenem Atem verfolgen wir Leser*innen den vor Gewalt kaum Halt machenden Weg Mattias und lernen dabei enorm viel über die Geschichte Triests in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was für ein intensiver und besonderer Roman!

Übersetzung: aus dem italienischen von Peter Klöss

Roman

Diogenes Verlag, 25,00 €

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Lesetipp von Lena Meyer:

Svenja Leiber: Nelka

Eine Person kündigt sich per Brief bei einem Gutsbesitzer in Norddeutschland an. Damit beginnt Svenja Leiber ihren neuen Roman, der soeben erschienen ist.

Aus dem Brief wird nichts über die Beziehung zwischen den beiden deutlich und wir Leser*innen erfahren ebenso nichts über die innere Reaktion des Gutsbesitzers, müssen versuchen, uns über sein äußeres Verhalten ein Bild zu machen. Das erzeugt eine Spannung, die den gesamten Roman über anhält, auch wenn die Erzählung von der Ankunft Nelkas, der Absenderin, bald immer wieder durchbrochen wird, indem zu einem Apfelveredler und seiner Tochter 1941 in Lemberg geschwenkt wird. Die beiden leben dort in einer vielfältig kulturell geprägten Gesellschaft, bis die Tochter auf einem Heimweg von den deutschen Besatzern verschleppt wird und ihr Vater als Jude ermordet.

Svenja Leiber, in Hamburg geboren und in Schleswig-Holstein aufgewachsen, hat mit Nelka einen absolut einnehmenden und eindringlichen Roman geschrieben, der aktuell und zeitlos zugleich wirkt. So, SO gut!

Wir sind daher sehr glücklich, dass Svenja Leiber unsere Einladung angenommen hat und am 19. Mai auf ihrer Lesereise bei uns Station machen wird.

Übersetzung:

Roman

Suhrkamp Verlag, 24,00 €

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Lesetipp von Lilli Biskamp:

Son Lewandowski: Die Routinen

Mit ihrem Debütroman eröffnet die Autorin einen ebenso poetischen wie unerbittlichen Blick auf die Welt des Kunstturnens. In einem vielstimmigen kollektiven „Wir“ erzählt, aus dem nach und nach das „Ich“ der Turnerin Amik hervortritt, entfaltet sich die Geschichte einer Karriere – und ihrer Kosten. Amik wacht am Krankenbett ihres verletzten Schützlings: einst Teamkollegin, Zimmernachbarin, Vertraute und Konkurrentin. In dieser Schwebe zwischen Fürsorge und Rivalität beginnt eine schonungslose Selbstbefragung.

Im Rückblick tastet sie sich durch die Jahre im Leistungssport – eine Zeit der Härte, Disziplin und Entfremdung. Sie berichtet von der schleichenden Zerstörung der eigenen Körperwahrnehmung, von Essstörungen, die nicht zufällig entstehen, sondern systematisch anerzogen werden; von unerbittlichem Drill, permanentem Leistungsdruck, Schmerzen und Objektifizierung. Von emotionalem, körperlichem und sexuellem Missbrauch. Von Isolation im Kollektiv. Von einem System, das kindliche Körper konservieren will, die Pubertät verzögert und das Erwachsenwerden bestraft.

Und immer wieder sind da die Routinen: endlose Übungen, die Tage strukturieren und Körper formen – und jene gefährlichere Gewöhnung, in der Zweifel verstummen und Gehorsam zur Haltung wird. Wer Fragen stellt, riskiert alles. Wer nicht funktioniert, wird ersetzt. Der Traum vom Olympiasieg ist ebenso Antrieb wie Drohung.

Diese zwei Räume, das Jetzt im Krankenhaus und das Gestern in Amiks Erinnerungen, werden immer wieder mit historischen Ereignissen verschränkt. Historische Stimmen realer Turnerinnen wie Nadia Comaneci, Olga Korbut und Simone Biles werden eingeflochten und erweitern das erzählende „Wir“ um eine dokumentarische Dimension. So verschränken sich fiktive Erzählungen mit kollektiver Geschichte und wir beginnen zu verstehen, wie ausbeutend dieses System ist, auf dem so viel Glitzer liegt.

Ein intensiver, fordernder und sprachlich einzigartiger Roman für alle, die sich für Körperpolitik, feministische Gegenwartsliteratur und die verborgenen Machtstrukturen des Spitzensports interessieren.

Übersetzung:

Roman

Klett-Cotta, 25,00 €

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Lesetipp von Britta Hansen:

Rachel Khong: Real Americans

Die Lotterie des Lebens: Drei Generationen, drei Jahrzehnte, drei Erzählperspektiven — die Zutaten dieses Romans sind bekannt, doch was die 1985 in Malaysia geborene Autorin daraus macht, wird von der Kritik hochgelobt und auch wir wollen eine Empfehlung für „Real Americans“ aussprechen.

Worum geht’s? Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, verliebt sich in den reichen schönen Matthew, aber es vergehen Jahre, bis ihre Liebe gefestigt ist. Endlich folgen die Hochzeit und der langersehnte Sohn Nick. Doch was als romantischer Liebesreigen beginnt, wird im zweiten Teil zu einem bewegegenden Porträt eines jungen, hochsensiblen Mannes, der seinen Vater nie kennengelernt hat und unter ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter aufwächst. Was ist passiert zwischen Lily und Matthew? Welches Geheimnis hüten sie vor Nick, der weiß ist und aussieht wie sein Vater? Die Enthüllung führt uns ins maoistische China. Dort wächst Nicks Großmutter Mei auf, bevor es ihr gelingt, nach Amerika zu fliehen, um dort eine der führenden Genforscherin zu werden.

So wirft der Roman gesellschaftsrelevante Fragen auf — nach Identität, Heimatlosigkeit und was überhaupt echte Amerikaner:innen sind. Ein beeindruckendes 500-Seiten-Epos mit vielen dramatischen Wendungen, vor allem aber erzählerisch kraftvoll mit Charakteren, die ihre Tiefe gerade durch die schicksalhaften Verstrickungen miteinander entwickeln.

Übersetzung: Aus dem amerikanischen von Tobias Schnettler

Roman

Kiepenheuer & Witsch, 24,00 €

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Lesetipp von Annette Quest:

Antje Damm: Papas Schildkröte und ich

Antje Damm ist bekannt für ihre tollen künstlerischen Bilderbücher mit Collagetechnik, für die sie im Oktober 2025 mit dem Sonderpreis Gesamtwerk Illustration des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet worden ist.
Jetzt hat sie ein süßes und sehr persönliches Buch über ihre Schildkröte Agathe vorgelegt, die als Baby in ihre Familie gekommen ist und inzwischen auf 80 Jahre geschätzt wird. Das Buch enthält lauter nützliche Infos für Kinder, die selbst gern so ein Haustier hätten:

Welche Pflanzen frisst eine Schildkröte? Warum muss man sich möglicherweise mit nackten Füßen vor ihr in Acht nehmen? Was bedeutet es, wenn sie plötzlich anfängt zu graben? Und weshalb sollte man sie im Winter in den Kühlschrank tun?!

Lustige und nachdenkliche Anekdoten über eines der unkuscheligsten Haustiere der Welt für Tierliebhaber ab 6 Jahren. 

Übersetzung:

Tiergeschichten, ab 6 Jahren

Moritz Verlag, 18,00 €

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Lesetipp von Anne Schroeder:

Megan Hopkins: Starminster - Stadt in den Wolken

“Starminster – Stadt in den Wolken”

erzählt die Geschichte der jungen Astrid, die ihr bisheriges Leben abgeschottet von der Außenwelt in einem Schuppen verbringt. Ihre Mutter hält sie dort versteckt, um sie vor den Gefahren der Welt zu schützen. Astrid kennt weder andere Menschen noch das Leben außerhalb ihres Verstecks. Nach einem Fluchtversuch begegnet sie einer Librae, einem geflügelten Wesen, das sie in die geheimnisvolle Überstadt Starminster bringt. Diese magische Stadt schwebt über London und ist für gewöhnliche Menschen unsichtbar. In Starminster erfährt Astrid erstmals, wer sie wirklich ist, besucht zum ersten Mal eine Schule und beginnt, Freundschaften zu schließen.

Doch hinter der faszinierenden Welt verbirgt sich ein dunkles Geheimnis: In der Unterstadt verschwinden immer wieder Kinder spurlos. Astrid vermutet, dass die Librae darin verwickelt sein könnten. Entschlossen, die Wahrheit herauszufinden, begibt sie sich auf eine gefährliche Suche, die sie nicht nur an der neuen Welt zweifeln lässt, sondern auch sie selbst in große Gefahr bringt.

Besonders empfehlenswert ist das Buch für alle ab 11 Jahren, die Reihen wie Harry Potter oder Percy Jackson mögen, da es Magie mit einer jungen Hauptfigur und einem spannenden Geheimnis verbindet.

Übersetzung: Petra Knese

Jugendbuch, ab 11 Jahren

Beltz und Gelberg Verlag, 16,00 €

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Lesetipp von Nicole Christiansen:

Katharina Grossmann-Hensel: Warten auf Dich

Das Warten - etwas, das Kinder als auch Erwachsene kennen - wird in diesem Bilderbuch liebevoll zum Thema gemacht.

Wir blättern durch die Wartezeit, die in warme Farben getaucht und reich an vielen kreativen Ideen von der Illustratorin Katharina Grossmann-Hensel in Szene gesetzt wird. Da wird das Warten zu einem großen Spass!

Aber auf wen wartet der puschelige Hase mit seinen riesig großen Kuller-Augen eigentlich? Schaut es Euch an…

Ein Bilderbuch-Tipp, nicht nur zu Ostern!

Übersetzung:

Bilderbuch

Annette Betz Verlag, 16,00 €

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Lesetipp von Sönke Christiansen:

David Grann: Der Untergang der Wager

Der Untergang der „Wager“ von David Grann ist ein packendes Sachbuch, das sich liest wie ein Abenteuerroman. Es erzählt die wahre Geschichte des britischen Kriegsschiffs Wager, das im 18. Jahrhundert während einer Expedition im Südpazifik Schiffbruch erlitt – und von den dramatischen Folgen für die Überlebenden.

Im Mittelpunkt steht nicht nur der Schiffbruch selbst, sondern vor allem das, was danach geschieht: Hunger, Kälte, Hoffnungslosigkeit und der Zerfall jeglicher Ordnung. Grann schildert, wie sich die Überlebenden in rivalisierende Gruppen spalten und wie Machtkämpfe, Misstrauen und moralische Grenzüberschreitungen das Zusammenleben bestimmen. Besonders spannend ist dabei, dass verschiedene Augenzeugenberichte existieren, die sich teilweise widersprechen.

Der Schreibstil ist sachlich, aber äußerst lebendig. Grann verbindet historische Fakten mit erzählerischer Spannung, sodass auch Leserinnen und Leser ohne großes Vorwissen mühelos folgen können. Die detaillierten Beschreibungen der extremen Lebensbedingungen - sowohl das Bordleben vor dem Schiffbruch und besonders danach - machen das Leid der Schiffbrüchigen greifbar und lassen einen nicht unberührt zurück.

Ein zentrales Thema des Buches ist die Frage nach Moral und Menschlichkeit in Extremsituationen. Was bleibt von Regeln, Loyalität und Anstand, wenn es ums nackte Überleben geht? Diese Fragestellungen verleihen dem Buch eine zeitlose Relevanz und machen es weit mehr als nur zu einem historischen Bericht.

Der Untergang der „Wager“ ist ein fesselndes, gut recherchiertes und eindrucksvoll erzähltes Buch, das Geschichte lebendig werden lässt. Für alle zu empfehlen,  die sich für historische Begebenheiten, Seefahrtsgeschichte und psychologische Grenzsituationen interessieren.

Übersetzung: Übersetzt von Rudolf Mast

Roman

Penguin TB Verlag, 17,00 €

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